In einem meiner Trainings stellte kürzlich eine Teilnehmerin die folgende interessante Frage: „Gibt es eigentlich statistische Beweise dafür, dass Scrum besser funktioniert als die Wasserfallmethode?”

Natürlich wäre es einfach, spontan zu antworten: „Ja, Scrum ist besser.“ Aber um keine möglicherweise vereinfachte oder gar falsche Aussage zu treffen, erschien es mir sinnvoller, nachzuschauen, was Studien und Statistiken tatsächlich sagen.

Die Ergebnisse sind interessant – und teilweise auch überraschend.

Projekterfolg: Die Realität vieler Projekte

Bevor man Scrum und die Wasserfallmethode miteinander vergleicht, lohnt sich zunächst ein Blick auf eine grundlegendere Frage: Wie erfolgreich sind Projekte generell? Die Antwort fällt ernüchternd aus.

Laut Daten aus dem „Projects Statistics“ von Gitnux werden nur etwa 31 % aller Projekte erfolgreich innerhalb der geplanten Zeit, des Budgets und des vorgesehenen Umfangs abgeschlossen.

Weitere Erkenntnisse aus Studien zum Projektmanagement:

  • Etwa 43 % der Projekte überschreiten ihre geplanten Termine.
  • Die durchschnittliche Kostenüberschreitung liegt bei rund 27 %.
  • Viele Projekte liefern weniger Nutzen als ursprünglich geplant.

Mit anderen Worten: Ein großer Teil der Projekte hat Schwierigkeiten – unabhängig davon, ob sie agil oder klassisch durchgeführt werden. Diese Erkenntnis relativiert viele Diskussionen über Methoden bereits erheblich.

Scrum vs. Wasserfall: Was agile Statistiken zeigen

Trotz dieser allgemeinen Herausforderungen zeigen verschiedene Studien Unterschiede zwischen agilen Methoden und klassischen Ansätzen. Der Gitnux-Report zu Agile-Statistiken fasst Ergebnisse aus mehreren Studien zusammen, unter anderem aus dem bekannten Standish-CHAOS-Report (letzte Version 2020).

Ein häufig zitierter Vergleich zeigt, dass 58 % der agilen Projekte gelten als erfolgreich, während es bei Wasserfallprojekten nur 29 % sind (Quelle: gitnux agile Statistics).

Diese Zahlen bedeuten jedoch nicht, dass agile Projekte automatisch erfolgreich sind. Sie zeigen jedoch, dass agile Projekte im Durchschnitt häufiger erfolgreich abgeschlossen werden. Weitere Erkenntnisse sind, dass agile Projekte häufig geringere Terminverzögerungen aufweisen, die Kundenzufriedenheit tendenziell höher ist und die Time-to-Market kürzer ist.

Ein weiterer Vergleich von der PMI zeigt beispielsweise, dass etwa 65 % der agilen Projekte im Budget bleiben, gegenüber 49 % bei klassischen Wasserfallprojekten (Quelle: Project Management Industry Statistics).

Auch wissenschaftliche Studien zum Vergleich von „Agile” und klassischem Projektmanagement kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine Studie von Springer Nature untersuchte den Erfolg verschiedener Softwareentwicklungsansätze und kam zu dem Ergebnis, dass rund 40 % der agilen Projekte erfolgreich waren, während nur etwa 15 % der Wasserfallprojekte dieses Ergebnis erreichten.

Gleichzeitig betonen die Autoren einen wichtigen Punkt: Die entscheidende Frage ist nicht, welche Methode grundsätzlich besser ist, sondern welche Methode besser zum jeweiligen Kontext passt.

Warum sind agile Methoden oft erfolgreicher?

Warum zeigen viele agile Statistiken bessere Erfolgsraten? Einige Gründe sind relativ naheliegend:

  • Frühes Feedback: Durch kurze Iterationen können Teams und Stakeholder regelmäßig überprüfen, ob das Produkt in die richtige Richtung entwickelt wird.
  • Bessere Anpassungsfähigkeit: Anforderungen ändern sich in der Produktentwicklung häufig. Agile Methoden ermöglichen es Teams, auf solche Änderungen zu reagieren.
  • Schrittweise Lieferung von Ergebnissen: Statt monatelang an einem großen Release zu arbeiten, entstehen regelmäßig nutzbare Produktinkremente.

Diese Eigenschaften reduzieren das Risiko, an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeizuentwickeln.

Wann die Wasserfallmethode besser sein kann

Die Vorteile agiler Methoden bedeuten nicht, dass die Wasserfallmethode grundsätzlich ungeeignet ist. In bestimmten Situationen kann sie sogar besser geeignet sein.

Das ist beispielsweise bei Projekten mit sehr stabilen Anforderungen der Fall oder wenn die Anforderungen früh klar definiert sind und sich kaum ändern. Die Wasserfallmethode ist vor allem in stark regulierten Branchen wie der Luftfahrt, der Medizintechnik, bei großen Infrastrukturprojekten oder der Hardwareentwicklung unverzichtbar.

Änderungen sind bei physischen Produkten oft deutlich teurer als bei Software. Aus diesem Grund setzen viele Organisationen heute auf hybride Modelle, die Elemente aus agilen und klassischen Ansätzen kombinieren.

Der wichtigste Faktor für Projekterfolg

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Studien zum Projekterfolg lautet: Projekte scheitern selten allein wegen der gewählten Methode.

Häufige Ursachen für Probleme sind vielmehr:

  • unklare Anforderungen,
  • mangelnde Einbindung von Stakeholdern,
  • schlechte Kommunikation,
  • unrealistische Planung,
  • fehlende Priorisierung.

Oder einfacher gesagt: Eine schlechte Umsetzung bleibt schlecht – egal, ob sie Scrum oder Wasserfall heißt.

Fazit: Die Frage „Scrum vs. Wasserfall” ist oft die falsche Frage.

Die Statistiken zeigen eine deutliche Tendenz: Agile Methoden wie Scrum erzielen im Durchschnitt höhere Erfolgsraten, schnellere Entwicklungszyklen und eine bessere Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig gilt jedoch: Scrum ist keine Garantie für den Projekterfolg und der Wasserfall-Ansatz ist nicht automatisch schlecht. Vor allem gilt: Der Kontext entscheidet über die passende Methode.

Die ehrlichste Antwort auf die Frage aus dem Training lautet daher: „Scrum ist nicht grundsätzlich besser als Wasserfall.”
Bei komplexer Produktentwicklung mit unsicheren Anforderungen bietet Scrum jedoch häufig deutliche Vorteile.

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