Diese scheinbar einfache Frage habe ich kürzlich einer Gruppe angehender Facilitatoren während eines Trainings gestellt. Auf dem MIRO-Board war das obige Foto zu sehen.

„Was seht ihr?“, fragte ich.

Was dann geschah, war ein perfektes Beispiel für eines der wichtigsten Themen in der Facilitation: den Unterschied zwischen Beobachtung und Interpretation.

Schon die erste Aufgabe erwies sich als überraschend schwierig. Anstatt das Bild möglichst neutral zu beschreiben, begannen viele Teilnehmer sofort zu interpretieren.

Es entstanden Aussagen wie:

  • „Sie haben gerade schlechte Nachrichten erhalten.“
  • „Die beiden wirken schockiert.“
  • „Es gibt ein Problem.“
  • „Sie sind besorgt.“

Ich habe die Gruppe darum gebeten, nur zu beschreiben, was sie sehen. MStattdessen haben sie sofort angefangen, das Bild zu interpretieren.

Noch spannender wurde es, als ich die Gruppe anschließend bat, das Bild tatsächlich zu interpretieren. Die Mehrheit der Teilnehmer deutete die Situation eher negativ. Viele vermuteten eine Krise, einen Konflikt oder eine schockierende Nachricht.

Eine Teilnehmerin hingegen beschrieb die Szene ausgesprochen positiv. Für sie wirkten die beiden Frauen überrascht und erfreut, als hätten sie gerade eine großartige Nachricht erhalten.

Dieser Moment sorgte für sichtliche Überraschung in der Gruppe. Denn plötzlich wurde deutlich: Alle betrachteten dasselbe Bild und kamen dennoch zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Warum passiert das?

Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, die Welt objektiv zu erfassen. Es wäre schlicht zu aufwendig, jede Situation vollständig und neutral zu analysieren.

Stattdessen filtern wir Informationen, ergänzen fehlende Details und ordnen Situationen blitzschnell in bekannte Muster ein. Dabei beeinflussen Erfahrungen, Erwartungen, Überzeugungen und aktuelle Emotionen unsere Wahrnehmung.

Diese Fähigkeit ist überlebenswichtig. Ohne diese schnelle Einordnung wären wir in einer komplexen Welt kaum handlungsfähig.

Das Problem entsteht erst, wenn wir unsere Interpretationen mit der Realität verwechseln.

Die Herausforderung für Facilitatoren

Gerade in Meetings, Workshops und Veränderungsprozessen begegnen wir ständig Situationen, die wir sofort bewerten möchten.

  • „Das Team ist unmotiviert.“
  • „Diese Person blockiert die Diskussion.“
  • „Die Gruppe ist chaotisch.“

Doch häufig handelt es sich dabei nicht um Beobachtungen, sondern bereits um Interpretationen. Eine Beobachtung beschreibt das, was tatsächlich wahrnehmbar ist. Eine Interpretation beschreibt die Bedeutung, die wir dieser Wahrnehmung beimessen.

In der Praxis ist es jedoch erstaunlich schwer, die Trennung umzusetzen. Selbst Menschen mit viel Berufs- und Führungserfahrung fiel es schwer, zunächst bei der reinen Beobachtung zu bleiben. Der Drang, sofort eine Erklärung zu finden, war stärker.

Facilitation beginnt mit Wahrnehmung

Viele Menschen verbinden Facilitation vor allem mit Methoden, Moderationstechniken oder Workshop-Design. Doch bevor wir entscheiden können, welche Intervention hilfreich ist, müssen wir verstehen, was überhaupt passiert. Dafür ist die Fähigkeit erforderlich, Beobachtung und Interpretation voneinander zu trennen. Wer länger in der Beobachtung bleibt, erkennt oft mehr Möglichkeiten, Perspektiven und Handlungsoptionen.

Eine der wichtigsten Fragen für Facilitatoren lautet deshalb: „Was sehe ich gerade – und was denke ich darüber?”

Allein diese Unterscheidung kann die Qualität von Entscheidungen, Interventionen und Gesprächen erheblich verbessern.

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